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Zwangsstörungen

Ist die Kaffeemaschine wirklich ausgeschaltet? Habe ich die Haustür abgeschlossen? Fast jeder kennt solche Überlegungen. Die Person, die in einem unbeobachteten Moment in einer fremden Wohnung Sofakissen neu ordnet, sorgt im Kinofilm für Heiterkeit. Doch für Menschen, die z.B. unter Kontrollzwängen leiden, ist die Erkrankung kein Spaß. Denn der Alltag kann im Extremfall massiv eingeschränkt werden. Einer aktuellen Erhebung der AOK Baden-Württemberg (2015) zufolge haben Zwangsstörungen um rund fünf Prozent pro Jahr zugenommen. Zwangsstörungen beginnen in der Regel in der späten Kindheit oder der Jugend, wobei Mädchen und Jungen in etwa gleich stark betroffen sind.

 

Ursachen können unter anderem eine genetische Veranlagung, aber auch eine wichtige Bezugsperson mit Zwangsstörung sein, die gewissermaßen als Modell diene. Eine Erkrankung sei außerdem möglich, wenn in der Erziehung die Betonung von Sauberkeit, Ordnung, Perfektion und Kontrolle in Kombination mit Bestrafungen bei Fehlern einhergehe.

 

Der Unterschied zwischen normalem Verhalten und einer Zwangsstörung beginnt häufig schleichend: „Auf den ersten Blick sind die Beweggründe der Betroffenen durchaus verständlich, wie beispielsweise die Angst vor einer ansteckenden Krankheit. Wenn sich die Person aber 30 Mal am Tag jeweils zehn Minuten lang die Hände wäscht, ist das Verhalten auch für den Betroffenen selbst nicht mehr nachvollziehbar“. Die Welt eines Zwangspatienten sei voller möglicher Bedrohungen und Ängste, die er unter Kontrolle bringen müsse, und zwar aktiv. Sie könnten von außen, aber auch aus den eigenen Gedanken und Vorstellungen stammen. So kann ein Jugendlicher panische Angst davor entwickeln, dass er womöglich jemanden etwas antut. Die eigenen Gedanken und Phantasien werden so zum „Feind im Kopf“. Zu den typischen Zwangsgedanken gehören z.B. die Angst vor Kontrollverlust, übersteigerte religiöse oder moralische Ansprüche oder das zwanghafte Bedürfnis zu reden, Fragen zu stellen oder etwas zu bekennen. Typische Zwangshandlungen sind Wasch- und Reinigungshandlungen, die Wiederholung bestimmter Handlungen, Kontrollieren und Zählen.

 

Viele Betroffene versuchen, ihre Zwangsstörung zunächst zu verbergen, dabei kann die Krankheit gut behandelt werden. Bei jedem zweiten Patienten lassen sich die Symptome durch die Behandlung deutlich verringern – bei milder Ausprägung und frühem Behandlungsbeginn ist die Prognose besonders gut. Dabei ist der fachliche Austausch zwischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Hausarzt und ggf. Facharzt für Psychiatrie bei der Behandlung besonders wichtig. Eine Zwangsstörung wird mithilfe einer kognitiven Verhaltenstherapie und ggf. auch Medikamenten behandelt. Bei der medikamentösen Therapie werden Antidepressiva, in der Regel sog. selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eingesetzt. Die Verhaltenstherapie hat dabei jedoch den Vorteil, dass sie auch nach dem „Absetzen“ weiterwirkt, da sie eine Hilfe zur Selbsthilfe ist. Dabei wird der Patient auch in Zusammenarbeit mit weiteren Experten ganzheitlich, insbesondere zur Alltagsgestaltung, aber auch zu Schule, familiären Interaktionen, Lebensstil, Hobbys und bei Bedarf zur Ernährung und Bewegungstherapie, beraten.

 

Die Prognose der Zwangsstörung hängt dabei im Wesentlichen vom Willen des Patienten ab, sich aktiv gegen seine ungünstigen Verhaltensweisen und Einstellungen zu stellen. So müssen Betroffene erkennen, dass sie keine absolute Kontrolle über ihre Umgebung erlangen können und dass ihre Zwangshandlungen beziehungsweise Zwangsgedanken nicht zum gewünschten Erfolg führen.

 

Weitere Informationen:

Nicht jeder, der schon zum dritten Mal den Herd kontrolliert, leidet unter einem behandlungsbedürftigen Kontrollzwang. Wer sich selbst testen will, sollte sich die folgenden Fragen ehrlich beantworten:

  • Leidest Du unter Gedanken, die sich immer wieder aufdrängen, die Du aber als unsinnig empfindest?

  • Fühlst Du Dich aufgrund dieser Gedanken extrem angespannt?

  • Machen Dir diese Gedanken Angst?

  • Musst Du bestimmte Handlungen ausführen, die Dir unsinnig erscheinen, um diese Spannungs- und Angstzustände zu reduzieren?

  • Wäscht oder reinigst Du häufig und/oder sehr lange?

  • Kontrollierst Du häufig und/oder sehr lange?

  • Beschäftigst Du Dich mit Ordentlichkeit und Symmetrie?

  • Kosten Dich diese Gedanken oder die Handlungen eine erhebliche Zeit des Tages?

Wenn Du bei mehreren Fragen mit „Ja“ geantwortet hast, solltest Du Dich bezüglich einer möglichen Zwangsstörung beraten lassen.

 

Die verhaltenstherapeutische Praxisgemeinschaft behandelt schwerpunktmäßig Zwangsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden bis zum 21. Lebensjahr.

 

Nach einem Erstgespräch werden zunächst weitere Sitzungen im Rahmen der psychotherapeutischen Sprechstunde und/oder der Probatorik durchgeführt, um die störungsspezifische Entstehungsgeschichte der Zwangsstörung zu erfassen und ein therapeutisches Arbeitsbündnis zu entwickeln. In diesen Prozess werden die Angehörigen und Hauptbezugspersonen aktiv mit einbezogen.

 

Nach Genehmigung der kognitiven Verhaltenstherapie durch die Krankenkassen erfolgt dann zunächst eine umfangreiche Krankheitsaufklärung (Psychoedukation) zu Zwangsstörungen. Im nächsten Schritt wird dann gemeinsam ein Störungsmodell entwickelt, an dem die verschiedenen Maßnahmen (Interventionen) abgeleitet werden können.

 

Als wichtigste Intervention für den Patienten stellt sich die sog. „Reizkonfrontation mit Reaktionsverhinderung“ dar. Patientinnen und Patienten erlernen schrittweise, sich den als angstauslösend besetzten Gedanken oder Situationen zu stellen, verbunden mit dem Ziel, die spannungsneutralisierenden Zwangshandlungen bewusst zu unterdrücken. Dies geschieht zunächst in therapeutischer Begleitung, mittel- bis langfristig sollen die Betroffenen diese Methode eigenständig anwenden. Sie erlernen somit, Anspannungszustände auszuhalten (Habituation) und erkennen, dass die angstauslösenden Zwangsgedanken auch ohne Durchführung einer Zwangshandlung aushaltbar sind und die Anspannung dann quasi automatisch wieder zurückgeht. Die Methode der „Reizkonfrontation mit Reaktionsverhinderung“ kann auch im häuslichen oder täglichen Umfeld durch ein gemeinsames Aufsuchen mit dem Therapeuten durchgeführt werden. Hierzu beantragen wir bei der Krankenkasse eine sog. „Blockung von Therapiestunden“, so dass z.B. eine Behandlung an einigen Terminen zu Hause oder in den spezifischen angstauslösenden Situationen vor Ort unter therapeutischer Begleitung (Home Treatment) stattfinden kann.

 

Im weiteren Behandlungsverlauf werden dann ergänzende kognitiv-verhaltenstherapeutische Methoden angewandt. Patienten sollen erkennen, dass sie typische („automatische“) Gedanken haben, die überbewertet werden („Katastrophisierung“). Ziel ist es, solche dysfunktionalen Gedanken als solche zu erkennen und angemessen zu bewerten.

 

Ein wichtiger Schritt ist die Einbeziehung der Eltern und Bezugspersonen. Diese nehmen häufig unbewusst den betroffenen Kinder- und Jugendlichen Belastungen und Ängste ab und sorgen somit dafür, dass sich die Betroffenen den angstauslösenden Gedanken oder Situationen nicht mehr stellen müssen. Dies führt erfahrungsgemäß zu einer Aufrechterhaltung der Problematik-Eltern und Bezugspersonen müssen ebenfalls schrittweise lernen, den Kindern und Jugendlichen die Verantwortung zurück zu geben.

 

Sofern im Rahmen der ambulanten Verhaltenstherapie kein ausreichender Symptom-Rückgang erreicht wird, wird eine kombinierte verhaltenstherapeutisch-medikamentöse Therapie empfohlen. Diesbezüglich kooperiert die Praxis mit mehreren niedergelassenen Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Ambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie des Helios-Klinikums Schleswig.

 

Die verhaltenstherapeutische Praxisgemeinschaft ist in der Expertenliste der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen e.V. eingetragen und wird von dieser immer wieder als Kompetenzpraxis empfohlen.

 
 

Eine Anmeldung für die psychotherapeutische Sprechstunde ist
ausschließlich telefonisch am Freitag in der Zeit von 13.30 Uhr - 16.50 Uhr möglich!

Telefon 04621 - 30 750 70